altes Gebäude des Haaner Gymnasiums mit dem Schriftzug "Wie mich meine Schulzeit geprägt hat"

Wenn ich an meine Schulzeit denke, wundere ich mich. Ich bin gerne zur Schule gegangen trotz vieler „obwohls“.

Ich bin gerne zur Schule gegangen, obwohl…

… ich keine besonders gute Schülerin war und besonders mit Mathe zu kämpfen hatte.

… wir keine tolle Klassengemeinschaft hatten, ich teilweise ausgegrenzt wurde und mich in manchen Momenten ganz schön allein fühlte.

… die Gebäude marode und alles andere als Wohlfühlorte waren.

… die Unterrichtsmethoden und -materialien teilweise die Motivation gründlich getötet haben.

… zumindest ein Teil meiner Lehrkräfte besser einen anderen Beruf ausgeübt hätte.

1. Schöne Erinnerungen an die Schulzeit

Schöne Erinnerungen an die Schulzeit gibt es natürlich auch, aber da fallen mir vor allem außerunterrichtliche Dinge ein. Ich liebte es, bei der Schülerzeitung mitzumachen. Mir gefiel es im Orchester. Es war toll, dass wir eine Konzertreise nach Frankreich und die Abschlussfahrt nach Moskau machten.

Und doch muss auch etwas an den ganz normalen schnöden Schultagen gut gewesen sein, denn ich erinnere mich noch, dass ich immer wieder ein positive-kribbeliges Gefühl voller Energie hatte, wenn ich in der Schule war.

Liegt meine Erinnerungslücke vielleicht daran, dass das Lernen an sich das war, was mir gefallen hat? Und dass ich in dem Zusammenhang kein besonderes Ereignis benennen kann, weil das Lernen ein Prozess ist und man nicht an einem x-beliebigen Tag auf einmal sagen kann: „Jetzt kann ich lesen!“ oder „Die Bruchrechnung habe ich nun drauf!“? Halte ich für gut möglich, weil ich nach wie vor gerne lerne.

In diesem Text soll es aber gar nicht primär um meine positiven Erinnerungen gehen, sondern um das, was mich aus meiner Schulzeit geprägt hat und noch heute für mich relevant ist. Und das sind nicht unbedingt schöne und angenehme Erinnerungen.

Mit diesem Blogpost nehme ich übrigens an der Blogparade „Wie mich meine Schulzeit prägte“ der Lerntherapeuting Nicole Gerbatsch teil. Bei ihr auf dem Blog findest du noch mehr Texte, in denen Bloggerinnen von ihren prägenden Erlebnissen aus der Schulzeit berichten.

2. Ich kann kein Mathe!

In der dritten und vierten Klasse hatte ich beim Schulleiter Mathe. Ich erinnere mich noch gut an zwei Situationen rund um die Rückgabe von Klassenarbeiten, die ich als schlimm empfand. Das eine Mal musste ich gemeinsam mit meiner besten Freundin die Arbeit nachschreiben und der Lehrer begann direkt nach der Abgabe vor uns die Arbeiten zu korrigieren. Nach jeder korrigierten Aufgabe sagte er, auf welcher Notenstufe wir nun stehen. Meine Freundin hatte eine super Note. Ich kam nicht über die 4, in der Grundschule eine Katastrophe! Schlimmer als die Note war allerdings die Art der Korrektur und das damit verbundene Bloßstellen gewesen.

Nach einer anderen Arbeit rief mich der Lehrer in der Pause in sein Schulleiter-Büro. Ich hatte wieder keine gute Note geschrieben und er befragte mich, warum das der Fall gewesen wäre, er hätte mir doch in der Arbeit einen Tipp gewesen. Was hätte ich darauf sagen sollen? Ich brach in Tränen aus und fühlte mich furchtbar.

Dass mir Mathe keinen Spaß (mehr) machte, wundert mich nicht nach diesen Erlebnissen nicht.

3. Der Stempel auf meiner Stirn

Der Lehrer gab mir neben meinem angespannten Verhältnis zur Mathematik noch etwas mit, das mich über Jahre begleiten und behindern sollte. Bei einem gemeinsamen Gespräch mit meiner Mutter sagte er den Satz: „Ilka kann nicht logisch denken.“ Dieser Satz brannte sich tief in mir ein und war für mich eine unumstößliche Wahrheit. Auch meine Eltern stellten die Aussage des Mathelehrers nicht in Frage: Ich war halt mathematisch eine Niete und das lag eindeutig am fehlenden logischen Denken!

Der Satz lähmte mich. Denn was sollte es bringen, mich in Mathe anzustrengen, wenn ich es doch sowieso nicht hinbekommen würde? Heutzutage finde ich es traurig, dass ich es mir in meiner Mathe-Opfer-Rolle so bequem machte. Aber der Glaubenssatz „Ich kann nicht logisch denken und bin deshalb schlecht in Mathe“ war einfach zu mächtig.

Die Überzeugung, nicht logisch denken zu können, hat mich übrigens noch Jahre nach der Schule begleitet. Erst mit fast 30 Jahren in einem Aufbaustudium fiel mir in einer Situation auf: „Mensch, da habe ich jetzt aber richtig logisch gedacht!“ Und erst da stellte ich den Satz meines alten Mathelehrers in Frage und sammelte immer mehr Beweise dafür, dass ich sehr wohl logisch denken kann.

Die Narbe des Nicht-Logisch-Denken-Könnens ist allerdings immer noch da und man es triggert mich sehr, wenn man mir bei Diskussionen vorwirft, unlogisch zu sein.

Eine ganz andere Erfahrung machte ich in der Oberstufe.

4. Ihr könnt mich „Rainer“ nennen

Weil mich Sprache interessierte, ich gerne las und schrieb, war für mich in der Oberstufe ganz klar: Ich wähle Deutsch-LK! Spaß machte der Kurs allerdings nicht und richtig wohl fühlte ich mich auch nicht. Das lag an dem Lehrer, der sich sehr locker-kumpelhaft gab und uns irgendwann das „Du“ anbot: „Ihr könnt mich Rainer nennen!“ Ein richtiges Angebot war das allerdings nicht, denn es war vollkommen klar, dass er es überhaupt nicht gut gefunden hätte, wenn wir ihn weiterhin gesiezt und mit Nachnamen angesprochen hätten.

Ich mochte den Lehrer nicht, wollte gerne auch sprachlich Distanz wahren und ihn nicht mit Vornamen und „Du“ anreden. Was war das anstrengend, wenn ich ihn ansprechen wollte und dabei tunlichst das „Sie“ oder „Du“ vermied!

Neben diesen negativen Erfahrungen prägten mich aber auch positive Erlebnisse.

5. Die Entdeckung der Selbstwirksamkeit

Englisch fand ich in der Mittelstufe einfach nur öde. Das Englischbuch und die darin enthaltenen Themen waren total veraltet und das langweilige Abarbeiten endloser Grammatik-Übungen war so langweilig.

In der Oberstufe änderte sich der Englisch-Unterricht radikal. Auf einmal ging es um Inhalte, die interessant waren. Das und ein sehr guter Lehrer motivierten mich, mich mehr in Englisch reinzuknien und freiwillig die verhasste Grammatik zu wiederholen. Wichtiger als die besseren Noten in Englisch war allerdings die Erkenntnis: „Wow, wenn ich mich reinkniee, kann ich meine Situation zum Positiven verändern!“

6. Und trotzdem dann ein Job im Bildungsbereich?

Trotz der ganzen „obwohls“ und negativen Erfahrungen bin ich beruflich der Schule treu geblieben, zunächst als Lehrerin und inzwischen als Lerntherapeutin und Lerncoach.

Denn eins hat die Institution „Schule“ nicht geschafft: Meine Freude am Lernen zu töten und meinen festen Glauben daran, dass Lernen und Wissen Schlüssel für eine bessere Zukunft sein können.

Gerne hätte ich auf die negativen Erfahrungen in meiner Schulzeit verzichtet. Und doch sind sie wichtig für mich, weil sie mich dazu gebracht haben, meine Werte als Lehrperson zu finden.

  • Mir ist eine wertschätzende Kommunikation wichtig, die auf Augenhöhe abläuft und niemanden bloßstellt.
  • Stempel mit fiesen Glaubenssatz-Sprüchen werden schnellstens aussortiert. Anstelle dessen schauen wir lieber auf die Stärken.
  • Wir machen uns auf die Suche nach Erfolgen beim Lernen und feiern kleine Etappen-Ziele. Das ist super für die Motivation und stärkt die Selbstwirksamkeit.

Ich konnte zwar meine negativen Erfahrungen irgendwann in etwas Positives umwandeln und aus ihnen meine Werte ableiten. Aber mein Wunsch ist es, dass Kindern dieser Umweg erspart bleibt und sie mit Neugierde, Spaß und ohne Druck lernen können.

1 Kommentar zu „Wie mich meine Schulzeit geprägt hat“

  1. Liebe Ilka,
    vielen Dank für deine persönliche Reise zurück in die Schulzeit. Bei einigen Beschreibungen lief es mir eiskalt den Rücken runter. Wie grausam doch manche Lehrer waren und heute noch sind. Um so bemerkenswerter finde ich, dass du doch hast nicht unterkriegen lassen und daran gewachsen bist. Dass du nun Kinder begleitest und „Kindern dieser Umweg erspart bleibt und sie mit Neugierde, Spaß und ohne Druck lernen können“ ist ein großes Geschenk.
    Herzliche Grüße
    Nicole

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen