Leseflüssigkeit – warum ist sie so wichtig?

Vielleicht erinnerst du dich noch an das Jahr 2001, als das Ergebnis der ersten PISA-Studie herauskam. Im internationalen Vergleich hatten deutsche Schüler*innen beim Lesen so schlecht abgeschnitten, dass das ganze Land quasi in den Pisaschock verfiel und sich alle fragten: Wie hat es im Land der Dichter und Denker nur so weit kommen können?

In der Folgezeit bemühten sich Lehrkräfte, Wissenschaftler und Bildungsaktivisten intensiv darum, das Leseverstehen der Jugendlichen zu verbessern. Außerdem entwickelten Schulen, Bildungsinitiativen, Büchereien und Buchläden ein vielfältiges Angebot an Leseförderungsmaßnahmen. Damit wollte man junge Menschen für das Lesen begeistern. Aber helfen diese Maßnahmen?

Wenn man einen Blick in deutsche Klassenzimmer wirft, muss man feststellen, dass in fast jeder Klasse einer weiterführenden Schule Kinder sind, die noch nicht richtig lesen können. Ihnen fehlen fundamentale Grundlagen und deshalb können bei ihnen Maßnahmen zur Leseförderung oder Trainings zum Leseverständnis gar nicht greifen und ihre Lücken werden immer größer. Für diese Schüler*innen ist es sinnvoll, erst einmal an ihrer Leseflüssigkeit zu arbeiten.

Leseflüssigkeit in der Wissenschaft

Der Begriff „Leseflüssigkeit“ scheint selbsterklärend zu sein. In der Lesedidaktik hat er jedoch Facetten, die über das Allgemeinverständnis hinausgehen und die wir uns im Folgenden anschauen werden.

Lesedidaktiker unterteilen die Leseflüssigkeit in vier Stufen, die aufeinander aufbauen.

1. Genauigkeit beim Dekodieren von Wörtern

Damit ein Kind einen Text mühelos laut oder leise lesen kann, muss es den Buchstaben die entsprechenden Lauten zuordnen. Diesen Vorgang nennt man Dekodieren. Wenn ein Kind nicht über diese Fähigkeit verfügt, passiert es immer wieder, dass das Kind ein Wort rät anstelle es zu lesen.

Auch fehlt ihm die Kompetenz die eigenen Fehler zu verbessern. Bei solch einem Leseverhalten kann es dem Kind sogar passieren, dass es den kompletten Sinn des Textes entstellt.


Leser*innen verfügen übrigens erst dann über ein ausreichendes Leseverständnis, wenn sie mindestens 95% der Wörter eines Textes korrekt dekodieren.
Auch Personen, die sehr geübt im Lesen sind, machen immer wieder Dekodierungsfehler. In der Regel bemerken sie die allerdings und korrigieren sich sofort.

2. Automatisierung

Wenn ein*e Leser*in ein ganzes Wort auf einen Blick erkennt und einen raschen und mühelosen Zugriff auf die Wortbedeutung hat, spricht man von Automatisierung des Leseprozesses. Kinder, die noch nicht sicher genug lesen können, deren Lesen also noch nicht automatisiert ist, müssen einen Großteil ihrer Energie aufwenden, um die Schrift zu entziffern. Für das Verständnis des Textes bleibt deshalb kaum Kapazität.

3. Geschwindigkeit

Die Genauigkeit und die Automatisierung des Lesens betreffen die Wortebene. Die Lesegeschwindigkeit dagegen bezieht sich auf die Satzebene. Wenn ein Kind einen Text zu langsam liest, speichert sein Arbeitsgedächtnis nicht alle zusammengehörenden Informationen gleichzeitig ab und es bekommt Verständnisproblemen.


Oft erinnert sich ein zu langsam lesendes Kind nicht mehr an den Satzanfang und ist dadurch nicht in der Lage sich selbst zu korrigieren. Als Richtwert für die Lesegeschwindigkeit gilt, dass Kinder im Grundschulalter zwischen 100 und 150 Wörter pro Minute lesen sollten.

Aber Achtung: Mit einer angemessenen Lesegeschwindigkeit ist nicht gemeint, dass das Kind den Text möglichst schnell lesen sollte. Wenn es nur um das Tempo geht, passiert es, dass die Kinder den Text runterrattern, ohne den Inhalt des Textes mitzubekommen.


Auch das Überfliegen eines Textes ist etwas anderes als Lesegeschwindigkeit. Diese Fähigkeit ist nochmals komplexer und entwickelt sich erst zu einem späteren Zeitpunkt des Leselernprozesses.

4. Sinnbetontes Lesen

Auf der letzten Stufe der Leseflüssigkeit lernt das Kind sinnbetont zu lesen. Dazu muss es den Text beim Lesen in sinnvolle Abschnitte unterteilen und diese Teile stimmlich so gestalten, dass deutlich wird, was inhaltlich zusammengehört.

Mit Lesetandems die Leseflüssigkeit verbessern

Wie du die vier Stufen der Leseflüssigkeit mit einer einfachen und effektiven Methode trainieren kannst, zeige ich dir in meinem Blogartikel über Lesetandems. Diese Methode eignet sich prima für den Einsatz in Schulklassen, da sie eine Zusammenarbeit von lesekompetenten und leseschwachen Schüler*innen ermöglicht. Genauso gut kannst du diese Methode aber auch in Fördermaßnahmen oder beim Lesenüben in der Familie einsetzen.

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