Die Materialschlacht am Schuljahresbeginn

Alle Jahre wieder: Nach 6 Wochen Sommerferien bin ich froh, wenn die Schule und damit auch der Alltag wieder beginnt.
Eine Sache, die meine Freude trübt, ist das Beschaffen der Schulmaterialien. Jedes Jahr ist das wieder eine nervige, zeitraubende und teure Beschäftigung!

Die Listen mit dem Schulmaterial

Die Listen mit den Schulmaterialien, die die Schüler*innen am Schuljahresbeginn von ihren Klassenlehrkräften bekommen, sind praktisch. Die Materialien für fast alle Fächer sind darauf aufgelistet und ich habe eine Einkaufsliste vor mir, die ich ganz einfach abarbeiten kann. Das ist viel besser, als wenn jede Lehrkraft den Kindern ansagen würde, was sie für den Unterricht brauchen. Ich kann mir sicher sein, dass mein Kind beim Aufschreiben nichts vergessen hat und kann die Materialien in einem Schwung besorgen.

Und doch mag ich diese Listen nicht. Mit zwei Listen in der Hand für zwei Schulkinder fühle ich mich beim Einkaufen überfordert. Ich bin auf der Suche nach bestimmten Heften, Umschlägen, Farben für Farbkasten, Deckweiß, Geodreiecken, Vokabelhefte, speziellen Stifte und und und. Gemeinsam mit mir quetschen sich gefühlt alle anderen Eltern schulpflichtiger Kinder durch die Gänge des örtlichen Drogeriemarkts, wo fast alle hier im Ort ihre Schulsachen einkaufen. Meine Laune wird immer schlechter und ich bin froh, wenn ich das Geschäft endlich verlassen kann.

Detaillierte Kaufanweisungen

Was mich an den Listen noch stört, sind die in meinen Augen häufig zu detaillierten Angaben zu den Materialien, die besorgt werden sollen. Es muss genau der eine Stift einer bestimmten Marke sein oder ein besonderes Heft, das viel teurer ist als normal. Ich bin der Meinung, dass Qualität bei Schreibgeräten extrem wichtig ist. Stifte, die andauernd abbrechen oder Wasserfarbe, die nicht richtig deckt, kann einem Kind die Freude an der Arbeit nehmen. Aber teilweise habe ich das Gefühl, dass manche Lehrkräfte mit ihren Materialwünschen übertreiben. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich vergeblich in mehreren Geschäften gesucht hatte, bis ich ein spezielles Notenheft für meinen Sohn  gefunden hatte. Auch die Spezial-Pinsel, die die Kunstlehrerin meiner Tochter wünschte, gab es nur in einem Geschäft und kosteten ein kleines Vermögen.

Besonders ärgerlich ist es, wenn ich am Ende des Schuljahres feststelle, dass diese teuren und schwer zu organisierenden Materialien kaum genutzt wurden: Eine Seite hat mein Sohn im Notenheft beschrieben, in dem Geschichtenheft, das ich extra für die 4. Grundschulklasse kaufen musste, hatte mein Kind gerade einmal einen Text geschrieben. Recyclen ist schwierig, wenn im Folgejahr andere Lehrer*innen wieder ihre eigenen Spezialwünsche haben.

Stress für die gesamte Familie

Mit dem Einkaufen hört der Stress rund um die Schulmaterialien noch nicht auf. Wir schlagen die Hefte ein und beschriften sie, versehen die Kunstmaterialien mit dem Namen des Kindes und dann winkt noch das Highlight: Ich muss die Schulbücher einschlagen.

Manche Lehrkräfte haben ihre Materialwünsche nicht auf die Liste setzen lassen oder etwas vergessen und so reicht in der Regel ein einmaliger Gang zum Schulmaterial-Kauf nicht aus und ich muss mich noch einmal in das Schreibwaren-Gedränge stürzen.

Ein Fall wie die Lehrerin meines Kindes, die mit Klassenbucheinträgen drohte, wenn die Materialien nicht bis zum Folgetag vollständig vorliegen, gibt es ein Segen nur selten. Aber auch ohne solche Extreme empfinde ich das Besorgen und Vorbereiten des Schulmaterials als unangenehm und stressig.

Schulmaterial ist eine teure Angelegenheit

Ehrlich gesagt bin ich immer wieder schockiert, wenn ich das Schulmaterial bezahle. Für ein paar Hefte, Buntstifte, Schnellhefter, Schere und Kleber bin ich schnell 50 Euro los.

Zum Schuljahresbeginn haben die Discounter normalerweise Schulmaterial zu günstigen Preisen im Angebot. Aber wegen der sehr nachdrücklich formulierten Empfehlungen für bestimmte Produkte und Marken kaufe ich dort nur wenig ein. Natürlich kann mich niemand davon abhalten, meinem Kind einen No-Name-Füller zu besorgen, mit dem es gut schreiben kann. Und doch mache ich das nicht. Ich weiß, dass es für Kinder und Jugendliche extrem wichtig ist, nicht aus der Gruppe herauszustechen und genau das kann passieren, wenn sie nicht die empfohlenen Materialien haben.

Meine Bedenken sind Luxus. Familien mit geringem Einkommen können sich diesen Luxus nicht leisten. Ihre Kinder werden vermutlich nicht die teuren Markenprodukte in der Schultasche haben. Ihre Kinder werden vielleicht deswegen von den Mitschüler*innen ausgeschlossen oder von Lehrkräften schräg angeguckt. Ihre Kinder leiden unter Umständen unter der schlechten Qualität der Materialien und verlieren deshalb vielleicht sogar den Spaß am Lernen. Und das ist ehrlich gesagt ein Skandal!

Wie könnte es besser laufen?

Mein Traum ist es, dass bei uns die Kinder von der Schule alle benötigten Materialien bekommen, ganz unabhängig vom Geldbeutel der Eltern. Das wäre ein guter Schritt in Richtung Chancengerechtigkeit. Alle Kinder hätten zumindest in Bezug auf das Unterrichtsmaterial die selben Startvoraussetzungen. In anderen Ländern wie beispielsweise in Finnland oder in der französischen Großstadt Lille wird das schon so gehandhabt.

Bis es bei uns hoffentlich auch einmal so ist, empfinde ich das Vorgehehen einer Schule als gute Zwischenlösung, in der ich unterrichtet habe. Dort wurden die Schulmaterialien von einem örtlichen Schreibwarenhändler bestellt, zusammengestellt, in Boxen gepackt und an die Schule geliefert. Die Familien mussten für die Boxen zahlen. Sie hatten aber nicht den Aufwand mit der Beschaffung des Schulmaterials, bekamen wegen des Mengenrabatts die Materialien zu günstigeren Preisen und unterstützten den örtlichen Schreibwarenhandel. Für Familien mit geringem Einkommen könnte es Zuschüsse von Seiten des Fördervereins geben.

Allein die Materialliste für Kunst füllt schon ein DIN-A4-Blatt.

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