Wenn es bei einem Kind in der Schule nicht so läuft, wird die Schuld dafür oft bei den Eltern gesucht. Und weil in unserer Gesellschaft die Mütter häufig den Hauptteil der Erziehungsarbeit übernehmen, werden sie schnell zum Sündenbock für schulische Schwierigkeiten ihrer Kinder gemacht. Bestimmt kennst du auch ähnliche Situationen und die Kommentare des Umfelds darauf:

  • Das Kind hat Probleme mit Mathe? – Das liegt bestimmt daran, dass die Mutter nicht täglich die Hausaufgaben kontrolliert. Und sicherlich übt die mit dem Kind auch nicht richtig.

  • Die Tochter kann noch nicht lesen? – Wenn die Eltern selber mal zu einem Buch greifen und dem Kind regelmäßig vorlesen würden, wäre die Kleine motiviert und würde ratzfatz lesen lernen!

  • Der Sohn ist in der Schule hibbelig und unaufmerksam? – Der Arme, die Eltern arbeiten beide Vollzeit und haben deshalb viel zu wenig Zeit für ihn. Kein Wunder, dass er so unausgeglichen ist!

Schuldzuweisungen von außen

Den Eltern und insbesondere den Müttern wird nicht nur im schulischen Bereich die Schuld gegeben, wenn sich das Kind nicht so verhält wie erwartet. Schuldzuweisungen können überall lauern:

  • Das Kind ist häufig krank? – Vermutlich achten die Eltern zu wenig auf gesunde Ernährung. Und ich sehe das Kind kaum mal draußen spielen. Dann ist es ja nicht weiter verwunderlich, dass es jeden Infekt mitnimmt!

  • Die Zähne der Tochter sind immer noch krumm und schief? – Haben Sie denn nicht darauf geachtet, dass Ihr Kind die Spange regelmäßig trägt?

  • Der Sohn ist mit dem Essen mäkelig? – Kein Wunder, der wird nach Strich und Faden verwöhnt!

  • Das Kind grüßt die Nachbarn nicht? – Da läuft was mit der Erziehung gründlich schief!

  • In den Logopädie-Sitzungen geht es nicht weiter? – Oh, haben Sie mit Ihrem Sohn etwa nicht regelmäßig jeden Tag 10 Minuten geübt?

Die Schuldgefühle der Mütter

Wenn Mütter Fehler machen

Die Schuldzuweisungen von außen sind schon unangenehm. Schnell fühlt sich eine Frau so, als wäre ihr von ihrem Umfeld ein dicker „Rabenmutter“-Stempel aufgedrückt worden. Aber noch schlimmer als das sind die Selbstbeschuldigungen.

Vielleicht hattest du auch schon einmal das Gefühl, dass du etwas gemacht hast, was deinem Kind schadet. Das können recht banale Sachen sein wie die Wahl unpassender Kleidung. Es war zu kalt und nun ist dein Kind krank geworden. Du bist schuld an der Krankheit, denn deinetwegen hat das Kleine gefroren! oje!

Genauso kann passieren, dass du Entscheidungen triffst, die für dein Kind weitreichendere Konsequenzen haben und die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Zum Beispiel kann das bei der Wahl der weiterführenden Schule der Fall sein. Dass du mit deiner Entscheidung haderst und sie bereust, ist nachvollziehbar, wenn dein Kind in der Schule vollkommen über- oder unterfordert ist und deshalb nicht zurecht kommt.

Das schlechte Gewissen

Neben solchen konkreten Fällen ist es häufig ein schlechtes Gewissen, das bei Müttern Schuldgefühle wachsen und gedeihen lässt.

Gerade wenn wir uns mit anderen Müttern vergleichen, können Fragen aufploppen wie: „Habe ich neben dem Job eigentlich genug Zeit für meine Kinder?“ oder „Sollte ich mit meinem Sohn nicht auch den Frühenglischkurs besuchen, damit er später keine Nachteile hat? Eigentlich habe ich keine Zeit und keine Lust dazu, aber…“ Solche Fragen können, wenn sie lange genug gären dürfen, ein prima Nährboden für Schuldgefühle sein. Dann verwandeln sich diese leisen Zweifel in Frageform allmählich in eine Feststellung.

Die Autorin Herrad Schenk stellte schon vor dreißig Jahren in ihrem Buch „Wieviel Mutter braucht der Mensch?“ fest, dass es in der Geschichte bisher keine Zeit gab, in der Kinder so viel mütterliche Aufmerksamkeit bekamen wie heute. Und sie stellte außerdem fest, dass gleichzeitig die Schuldgefühle der Mütter ihren Kindern gegenüber auch noch nie so groß gewesen sind wie in unserer Zeit.

Aber wie kommt es dazu, dass wir uns den Schuh der Schuld überhaupt anziehen? Warum lassen wir nicht einfach die mehr oder weniger versteckte Kritik, die an uns und unserem Umgang mit unseren Kindern geübt wird, abperlen? Und warum beschuldigen wir uns eigentlich so oft selber, etwas falsch zu machen?

Richterhammer, darüber und drunter steht in roter Schrift schuldig? unschuldig?

Die „ideale“ Frau und Mutter

Ich denke, dass das mit den Frauen- und Mütter-Idealen zusammenhängt, die in unserer Gesellschaft eine Rolle spielen.

Bis vor einigen Jahrzehnten galt die aufopferungsvolle Mutter und Ehefrau als das Ideal. Für sie stand die Familie an erster Stelle und sich selbst und ihre Interessen stellte sie zurück.

Inzwischen gilt dieses Frauenbild als veraltet. Aber viele von uns sind davon so geprägt, dass sie sich nicht komplett davon lösen können.

Und auch eine andere sehr populäre, aktuellere Vorstellung, wie eine „perfekte“ Frau zu sein hat, macht uns das Leben nicht gerade leichter.

Nach dieser weit verbreiteten Vorstellung sollen wir im Beruf erfolgreich sein, Kindererziehung und Haushalt meistern, nebenbei ein interessantes Sozialleben haben, fit, gesund und gut aussehend sein. Ach ja, und das alles soll bitte mit Leichtigkeit und guter Laune erfolgen!

Ist das Ideal wirklich ideal?

Egal, ob wir nun das eher konservative Frauenbild betrachten oder das modernere Ideal der berufstätigen Mutter, die auch alle anderen Bereiche bravourös meistert: In beiden Konzepten machen Mütter keine Fehler im Umgang mit den Kindern, sind perfekt und funktionieren immer.

Dass das auf Dauer nicht klappen kann und dieses Mutter-Ideal für uns Frauen alles andere als ideal ist, ist eigentlich logisch. Und dennoch tappen viele Frauen in die Falle und verausgaben sich vollkommen, um dem nicht erreichbaren Bild möglichst nahe zu kommen. Also wäre es im Sinne des Selbstschutzes nur gut, wenn wir uns von diesem Perfektions-Streben verabschieden würden.

Aber auch für unsere Kinder ist es sinnvoll, wenn wir unseren Perfektionismus über Bord werfen würden und Mut zu Fehlern im Umgang mit unseren Kindern hätten.

2 Gründe, warum „unperfekt“ gut für unsere Kinder ist

1. Grund: Wir alle streben nach Bindung und Autonomie

Kommt ein Baby auf die Welt, ist es komplett schutzlos und vollständig auf die Unterstützung und Fürsorge der Eltern angewiesen. Gerade in der ersten Zeit ist eine intensive Bindung zwischen Kind und Eltern überlebensnotwendig für das Kleine. Wird das Kind älter, kommt es in die Autonomiephase. Das bedeutet, dass es zunehmend selbstständiger wird und Sachen selber machen möchte.

Wenn du kleine Kinder hast, kennst du diese Phase sicherlich gut. „Alleine“ oder „selber“ sind in diesem Alter viel verwendete Wörter des Nachwuchses. Es erfordert viel Geduld, das Kind dann auch wirklich alleine machen zu lassen. Weil wir aber wissen, wie wichtig diese Phase für unsere Kinder ist, üben wir uns in Geduld und lassen die Kleinen machen. Dass sie dabei Fehler machen, ist normal und wir nehmen es hin.

Mir kommt es manchmal so vor, als würden wir unseren Kindern zwar Autonomie zugestehen. Uns selber erlauben wir dies allerdings oft nicht oder zahlen mit schlechtem Gewissen. Das ist schon seltsam. Das Bedürfnis, autonom zu sein, hört ja nicht in einem bestimmten Alter oder durch die Geburt des ersten Kindes auf.

Ich vermute, dass dieses Zögern der Mütter, für sich selber Autonomie in Anspruch zu nehmen, eine Überbleibsel des traditionellen aufopferungsvollen Mutter-Bildes ist.

2. Grund: Probleme lösen muss gelernt werden

Welche Eltern möchten ihren Kindern keine möglichst schöne und unbeschwerte Kindheit bieten? Aber heißt das automatisch auch, dass alles Schwere und Unschöne von den Kindern ferngehalten werden muss? Dass alles perfekt sein muss?

Innerhalb der Familie mag das vielleicht mit viel Anstrengung funktionieren, aber wer schafft es, sein Kind auch außerhalb der Familie vor allem Negativem zu schützen? Und würde man seinem Sohn oder seiner Tochter damit einen Gefallen tun?

Ich glaube nicht. Denn wie sollte ein junger Mensch alleine zurecht kommen und Schwierigkeiten meistern, wenn er in seiner Kindheit und Jugend in einer problembefreiten „Das-Leben-ist-ein-Ponyhof-Blase“ verbracht hat? Wenn der junge Mensch dann eines Tages mit Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert ist, ist er wahrscheinlich vollkommen überfordert.

Dafür spricht auch die Theorie des britischen Psychoanalytikers Donald Winnicott , der bereits in den Fünfziger Jahren davon sprach, dass eine „zu gute Mutter“ einem Kind eher schade, als eine „ausreichend gute Mutter“, die „good enough mother“. Die „ausreichend gute Mutter“ kümmert sich um das Wohl des Kindes, gibt ihm aber auch den Raum für eigene Erfahrungen und die eigene Entwicklung.

„Good enough parenting“ als Gegenentwurf zur Perfektion

Der Ansatz Winnicotts ist nach wie vor aktuell. Heutzutage wird allerdings der Begriff der „ausreichend guten Mutter“ auf beide Eltern zu „ausreichend guten Eltern, „good enough parents“, ausgeweitet.

So setzt sich die Psychologin und Elterncoachin Barbara Widerhofer beispielsweise sehr für das Konzept der „good enough parents“ ein. Sie definiert „hinreichend gute Eltern“ so:

„Hinreichend gute Eltern sind in der Lage, die Bedürfnisse ihrer Kinder zu erkennen und danach zu handeln, aber sie machen auch Fehler. Und sie vergeben sich dafür. Sie akzeptieren und respektieren, dass Fehler machen zum Menschsein dazu gehört. Sie „bestrafen“ sich selbst nicht mit Schuld- und Schamgefühlen. Weder von sich, noch von ihren Kindern verlangen sie Perfektion, die in der Realität nicht gelingen kann.“

Barbara Widerhofer

Was für ein schönes und realisierbares Konzept!

Ich wünsche mir für alle Eltern und Kinder, dass immer mehr Eltern den Weg der „good enough parents“ gehen. So sind sie ihren Kindern ein Vorbild beim Umgang mit Fehlern und die ewige Suche nach einem Sündenbock, dem die Schuld gegeben wird, kann aufhören.

Goldener Richterhammer, darüber in roter Schrift das Wort "Freispruch"

Meine mütterlichen Schuldgefühle

Früher haben mit die Schuldzuweisungen, die mich als Mutter trafen, teilweise ganz schön mitgenommen. Ich war weit davon entfernt, das Konzept der „good enough mother“ zu leben.

So fand ich es zum Beispiel sehr unangenehm, wenn meine Kinder einen Termin bei der Kinderzahnärztin hatten und mir dort vorgeworfen wurde, dass sich meine Kinder die Zähne nicht richtig putzten.

Aber irgendwann merkte ich, dass es einen Punkt gab, an dem ich diese Vorwürfe nicht mehr angenommen habe. Mein Ziel war und ist es, dass meine Kinder zunehmend selbstständig und eigenverantwortlich werden und die Aufforderung, einem zehnjährigen Kind die Zähne nachzuputzen, fand ich grenzwertig.

Und so ging es mir auch in anderen Bereichen: Die Anforderungen von außen an mich vertrugen sich einfach oft nicht mehr mit meinen eigenen Ansprüchen an mich und meine Kinder. Meine Reaktion war oder ist dann eher ein Schmunzeln oder Schulterzucken und nicht mehr Scham und schlechtes Gewissen. Aber das war wie gesagt nicht immer so und liegt zu einem großen Teil auch an dem Alter der Kinder.

Zu meinen Hochzeiten der mütterlichen Schuldgefühle gab ich mir selber sogar die Schuld daran, wenn in unserem Urlaubsort das Wetter nicht gut war. Schließlich war ich es ja gewesen, die diesen Urlaub organisiert hatte!

Inzwischen hat sich meine Sichtweise geändert und ich habe verstanden, dass ich zwar vieles beeinflussen und für vieles die Verantwortung übernehmen kann. Beim Wetter ist mir dies allerdings nicht möglich 🙂 , ich habe keine Schuld am Regen oder an unerträglicher Hitze!

4 Kommentare zu „Die Mutter ist immer schuld! Oder etwa nicht?“

  1. Toller Artikel, die mütterlichen Schuldgefühle sind unerträglich und unnötig, weil sie die Harmonie zerstören und das Wohlgefühl. Good enough ist eine tolle Alternative.

  2. Hallo Ilka,
    ich bin durch die liebe Dina auf deinen Beitrag aufmerksam geworden und DAS ist seit der Geburt (und mittlerweile ist er 8!) genau mein Thema.. „good enough“ hört sich gut an, in der Praxis echt schwierig umzusetzen und das liegt nur an mir.. und da ist es auch schon wieder, das kleine/große Übel, sich selbst zu beschuldigen.. Aber! wenigstens fällt es mir schon auf. Jedenfalls sehr schön geschrieben. Vielen Dank
    Viele Grüße Conny

    1. Liebe Conny,

      danke für deinen netten Kommentar.

      Ich denke, dass du schon einen sehr wichtigen Schritt gemacht hast, um aus der „Die Mutter ist immer schuld“-Falle herauszukommen.
      Bei mir hat das viel länger als 8 Jahre gedauert, bis ich mal gemerkt habe, was ich da eigentlich für einen Quatsch denke.
      Es ist ein Prozess, um sich von den Schuldgefühlen zu befreien und ich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich mich für alle
      möglichen Dinge verantwortlich fühle, die nun wirklich nicht in meiner Hand liegen.

      Alles Gute für dich. Viele Grüße
      Ilka

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