Ist die Note meines Kindes gerechtfertigt?

Ist die Note meines Kindes gerechtfertigt verschiedene Ausschnitte aus Zeugnissen

Immer mal wieder fragen mich die Eltern meiner Lernkinder, die im Grundschulalter sind: „Du warst doch Lehrerin. Hältst du eigentlich die Deutschnote meines Kindes für gerechtfertigt?“ Ich merke, dass bei dieser Frage die Sorge mitschwingt, dass es vielleicht schwierig wird, das Kind mit der aktuellen Deutschnote in die gewünschte weiterführende Schule schicken zu können. Und diese Sorge verstehe ich sehr gut.

Was mir allerdings schwerfällt: Den Eltern zu sagen, ob ich die Note ihres Kindes nun für gerechtfertigt halte oder nicht. Und das hat unterschiedliche Gründe.

1. Das Kind im Unterricht

Ich kenne meine Lernkinder nur aus dem Einzeltraining. Diese Situation ist vollkommen anders als das Lernen während der verpflichtenden Schulzeit mit einer kompletten Klasse. Deshalb lassen sich meine Beobachtungen aus dem Lerntraining nicht unbedingt auf den Schulunterricht übertragen. Zumal die Stunden mit mir auf das jeweilige Kind, seinen aktuellen Stand, seine Bedürfnisse und Vorlieben zugeschnitten sind und nicht so wie in der Schule, wo alle Kinder den selben Lernstoff zur selben Zeit serviert bekommen.

2. Vorgaben von oben

Dazu kommt noch, dass ich nicht weiß, wie die Lehrkraft des Kindes benotet.

Es gibt zwar für jedes Schuljahr und jedes Fach festgelegte Inhalte und Kompetenzen, die den Kindern vermittelt werden sollten. Nun könnte man meinen, dass ein Kind nach Besuch der Jahrgangsstufe 2 diese Themen und Fertigkeiten kennt und anwenden kann. Die Realität sieht allerdings anders aus.

Nicht immer ist es möglich, den kompletten Stoff durchzunehmen und auch die Vermittlung und Festigung von bestimmten Fertigkeiten gelingt nicht immer. Die Gründe hierfür können unterschiedlichster Natur sein, wie beispielsweise Stundenausfall, Lehrkräftemangel, ungünstige Lernsituationen oder ungeeignete Lernmethoden. Wenn nicht das eigentlich vorgesehene Pensum geschafft wird, werden die Kinder trotzdem benotet, allerdings nur für die Bereiche, die im Unterricht thematisiert wurden. Die Ziffernnote sagt daher nichts darüber aus, was das Kind wirklich kann.

Gewürfelt werden Noten zwar nicht, objektiv sind sie allerdings auch nicht

Der zu vermittelnde Lernstoff ist also theoretisch geregelt und auch für die Bewertung der schriftlichen Leistungen gibt es von der Schule oder anderen übergeordneten Stellen Handreichungen für die Verteilung von Noten (z.B. mindestens 50% richtige Lösungen für eine Note 4).

3. Noten sind nichts Objektives

Aber trotz dieser Vorgaben ist Notengebung nichts Objektives. Das fällt besonders bei der Benotung der mündlichen Mitarbeit auf. Ich will gar nicht auf die Schwierigkeiten eingehen, die die mündliche Benotung von 30 oder mehr Kindern einer Klasse macht. Aber allein, wenn man die Kriterien Qualität und Quantität von Schüler-Beiträgen zugrunde legt, kann man zu unterschiedlichen Einschätzungen durch verschiedene Personen kommen.

Ich erinnere mich in diesem Kontext noch gut an das Gespräch mit einem Kollegen während meiner Lehrerinnen-Zeiten. Wir hatten beide einen Jungen im Unterricht, der in der Schule ziemliche Probleme hatte. Ich sah, dass der Schüler sich Mühe gab und nachfragte und berücksichtigte das in meiner mündlichen Note. Der Kollege hingegen legte großen Wert auf die Qualität der Schülerbeiträge und kam deshalb zu einer schlechteren Mitarbeitsnote als ich.

Eine weitere Situation, in der die Notengebung nicht objektiv ist, zeigt sich, wenn ein Kind beim Halbjahreszeugnis zwischen zwei Noten steht. Meiner Erfahrung nach gibt es zwei Reaktionsweisen.

Es gibt Lehrkräfte, die das Kind zu mehr und besserer Mitarbeit motivieren möchten, indem sie die bessere Note geben. Sie hoffen, dass der sogenannte Pygmalion-Effekt eintritt. Damit ist gemeint, dass ein Mensch versucht, dem positiven Bild zu entsprechen, das von ihm erschaffen wurde.

Eine andere Lehrergruppe tendiert zu der schlechteren Note. Auch hierfür werden häufig Motivations-Gründe angegeben: „Er bekommt jetzt die 3 mit einem dicken +. Das ist dann Ermutigung, mal richtig Gas zu geben, um im zweiten Halbjahr eine 2 zu bekommen.“

Damit sind wir schon mitten im Bereich der verschiedenen Funktionen, die Noten erfüllen sollen.

4. Funktionen der Note

Dass Noten nicht nur eine Funktion haben, ist dir bestimmt klar. Die in meinen Augen wichtigsten Funktionen, die einer Note zugesprochen werden, sind folgende:

  • Rückmeldefunktion
    In dieser Funktion dient die Note dazu, Schülern und Eltern zu berichten, wie die Lehrkraft den aktuellen Lernstand des Kindes sieht. Zugleich zeigt die Note auch der Lehrkraft, ob das Kind durch ihren Unterricht angemessen auf die Prüfung/Arbeit vorbereitet wurde.
  • Klassifizierung, Selektion, Zuteilung
    Außerdem dienen Noten dazu, einer Person ihren Platz im (Bildungs-)System zuzuweisen. Das fängt bei der Wahl der weiterführenden Schule an, geht weiter bei der Bewerbung um eine Ausbildungsstelle oder einen Studienplatz und schließlich spielen Noten auch bei der Besetzung von Arbeitsstellen eine Rolle. Nur wer eine bestimmte Note oder einen festgelegten Schnitt hat, landet bei der Verteilung von Schulplätzen, Ausbildungsstellen, Uniplätzen oder Arbeitsstellen in der engeren Auswahl. Alle anderen werden „aussortiert“.
  • Sozialisierungsfunktion
    Durch die Benotung werden Kinder mit dem Leistungsprinzip unserer Gesellschaft vertraut gemacht.
  • Bestrafungsfunktion
    Im allgemeinen Verständnis sollten Noten Auskunft über den Leistungsstand geben. Dies geschieht allerdings nicht, wenn Noten als Strafmittel erteilt werden. Oft werden Noten als Bestrafung verwendet, wenn das Verhalten des Kindes nicht toleriert wird, z.B. für vergessene Materialien oder Hausaufgaben.
  • Anreizfunktion
    Über die Anreizfunktion habe ich oben schon geschrieben. Damit ist gemeint, dass eine Lehrkraft eine gute Note gibt und damit bezwecken möchte, dass das Kind dadurch motiviert wird, sich zu verbessern, sozusagen in die Note „reinzuwachsen“.

5. Probleme wegen der verschiedenen Funktionen

Schauen wir uns die verschiedenen Funktionen von Noten an, dann fällt auf, dass sie nicht unbedingt zusammenpassen, sich teilweise sogar widersprechen.

Wenn ich einem Kind als Anreiz eine bessere Note gebe, dann passt das nicht zur Klassifizierungs-, Selektions- oder Zuteilungsfunktion einer Note. Auch die Rückmeldefunktion wird damit unter Umständen ausgehebelt, wenn nicht allen Beteiligten klar kommuniziert wird, wie es zu der Notenvergabe kommt.

6. Könnte ein Verbalgutachten eine sinnvolle Alternative sein?

Wenn es darum geht, Schul-, Ausbildungs-, Uni- oder Arbeitsplätze an die „Besten“ zu verteilen, scheinen Ziffernnoten wegen ihrer vorgeblichen Objektivität und Vergleichbarkeit sinnvoll zu sein. Dass das Augenwischerei ist, habe ich weiter oben erläutert.

Ist das vorrangige Ziel allerdings, eine Person mit einer Zensur zu ermutigen oder ihr oder ihrem Umfeld eine Rückmeldung zu geben, wäre es sinnvoll, wenn die Ziffernnote durch eine schriftliche Begründung ergänzt oder ersetzt würde.

Könnte ein Verbalgutachten also ein sinnvoller Ersatz für die Ziffernnote sein?

Wenn es um die Zuweisung von Plätzen im System geht, dann sind Verbalgutachten problematisch, da sie scheinbar weniger objektiv und vergleichbar sind als Ziffernnoten.

Für die anderen Funktionsbereiche würde ich Verbalgutachten bevorzugen. Noten als Mittel der Bestrafung würde ich übrigens komplett abschaffen.

7. Erwartungen an ein gutes Verbalgutachten

Ich erlebte Verbalgutachten, bei denen einfach Textbausteine aneinandergereiht wurden. Teilweise unterschieden sich die Texte für die Kinder einer Klasse kaum und wurden teilweise sogar im nächsten Zeugnis weitgehend beibehalten. Die Aussagekraft solcher Gutachten ist natürlich äußerst gering.

Dann gibt es aber auch andere Beispiele. Ich habe verbale Beurteilungen in der Grundschule gesehen, die sehr lang und ausführlich waren und eine gute und zutreffende Beschreibung des Kindes gaben. Das war äußerst hilfreich und gab eine gute Orientierung, was das Kind schon kann und wo es noch Lücken hat. Was man allerdings anmerken muss: So ein Gutachten zu verfassen, benötigt ausgesprochen viel Zeit, fundierte Beobachtungen und Engagement.

8. Ist die Note meines Kindes gerechtfertigt?

Eine grobe Einschätzung, wie die Leistungen eines Kindes zu sehen sind, kann ich als Lerntrainerin zwar machen. Aber um sagen zu können, ob die konkrete Note gerechtfertigt ist, fehlen mir zu viele Informationen über Komponenten, die bei der Benotung mitspielen.

In meinen Augen hat eine Ziffernnote sowieso zu wenig Aussagekraft, weil zu wenig über den Bezugsrahmen der Benotung bekannt ist. Aus diesem Grund finde ich Verbalgutachten besser. Und vielleicht wäre es sogar so, dass mir bei verbalen Gutachten seltener die Frage gestellt würde, ob ich die Note des Kindes für gerechtfertigt halte oder nicht.

2 Kommentare zu „Ist die Note meines Kindes gerechtfertigt?“

  1. Liebe Ilka, deine Blogartikelserie zum Thema „Noten“ finde ich sehr spannend. Dass es so viele Funktionen der Schulnoten gibt, war mir in dem Ausmaß noch nicht klar. Eigentlich erstaunlich, dass nicht mehr darüber diskutiert wird. Also gut, dass du darüber schreibst!
    Viele Grüße von Wiebke

    1. Danke für den lieben Kommentar, Wiebke! Es gibt sogar noch mehr Funktionen von Noten, die ich gar nicht aufgelistet habe. Und es stimmt schon, was du sagst: Eigentlich ist es verwunderlich, dass diese Funktionen von Noten in der Allgemeinheit nicht bekannt sind.
      Viele Grüße
      Ilka

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