Strand und Himmel mit dem Text "So unterstützt du dein ruhiges Kind im Schulalltag"

Weißt du, welche Schüler-Namen die meisten Lehrkräfte sofort in einer neuen Klasse kennen? Das sind in der Regel die Namen der Kinder, die besonders auffallen: Sei es durch ihr Verhalten oder durch ihre besonders guten oder schlechten Leistungen. Wer gerade in großen Klassen im Schulalltag häufig übersehen wird, sind die ruhigen Kinder.

Das sind die Kinder, die nicht stören. Die ihre Hausaufgaben immer dabei haben. Die nett und freundlich sind. Die passable Noten schreiben. Die nicht stören. Die keine große Klappe haben. Die wegen schwacher mündlicher Mitarbeit notentechnisch unter ihren Möglichkeiten bleiben. Die häufig darunter leiden, nicht gesehen zu werden.

Damit dein ruhiges Kind in der Schule mehr Beachtung findet und nebenbei noch seine mündlichen Noten verbessert, habe ich dir einige Tipps und Anregungen zusammengestellt.

Warum es sinnvoll ist, sein ruhiges Kind im Schulalltag zu unterstützen

Wenn dein Kind eher ruhig veranlagt ist, wird es mit großer Wahrscheinlichkeit auch in der Schule zu den stillen Schüler*innen gehören. Eigentlich nichts Schlechtes und in guter Gesellschaft ist dein Kind auch. Denn nach Schätzungen gehören zwischen 30-50% der Bevölkerung zu den introvertierten, ruhigeren Menschen.

Doch in unserer Gesellschaft, in der die Lauten, Auffälligen immer mehr Beachtung finden als die Ruhigen, Unauffälligen, kann das zum Problem werden. Wenn dein Kind immer übersehen wird und das Gefühl hat, mit seinen Stärken und Begabungen nicht erkannt zu werden, kann das sein Selbstwertgefühl negativ beeinflussen und dann kann es zu richtigen Problemen kommen.

Grafik: eine Frau mit brauner Hose, blauem Shirt und braunem Pferdeschwanz beugt sich zu einem traurigen rothaarigen Mädchen im blauen Kleid und tröstet es.

Die mündliche Mitarbeit verbessern

Wenn dein Kind sich mündlich mehr beteiligen und dadurch die Mitarbeitsnote verbessern möchte, ist es sinnvoll mit kleinen Schritten zu beginnen. Wenn das gut läuft, kann dein Kind sich etwas herausforderndere Ziele bei der mündlichen Mitarbeit setzen.

Das Gute ist, dass dein Kind das Melden im Unterricht trainieren kann, so dass es zur Gewohnheit wird und die Hemmschwelle für die Beteiligung im Unterricht immer geringer wird. Ein paar Tricks haben sich bewährt, die ich dir hier vorstellen möchte.

1. Der Bleistift-Trick

Gerade schüchterne Kinder werden Probleme haben, sofort Vollgas zu geben und sich bei jeder Frage zu melden. Das muss auch gar nicht sein! Sinnvoll ist es, sich realistische Ziele zu setzen, zum Beispiel sich in einer Stunde zwei Mal zu melden.

Gut ist es, wenn sich dein Kind diesen Vorsatz visualisiert und eine „Melde-Erinnerung“ hat. Melde-Erinnerungen können beispielsweise Stifte sein oder Striche auf einer Strichliste. Nach jeder Meldung kann ein Stift in das Mäppchen zurückgelegt oder ein Strich auf die Liste gemalt werden. So hat dein Kind einen guten Überblick, was es schon geschafft hat und was noch aussteht.

2. Die „Das-fällt-mir-leicht-Liste“

Manchen Kindern hilft es auch, wenn sie in Ruhe eine Liste mit Unterrichtstätigkeiten erstellen, die sie sich am ehesten zutrauen. Auf so einer Liste könnte je nach Vorliebe beispielsweise Hausaufgaben vorlesen, Texte vorlesen, auf Wissensfragen antworten stehen. Was deinem Kind bei der mündlichen Beteiligung eher leicht fällt, ist sehr individuell. Deshalb ist es gut, wenn es für sich selbst so eine Liste mit deiner Unterstützung anfertigt.

3. Starten mit dem Lieblingsfach

Sich mehr zu beteiligen ist einfacher, wenn man das Fach mag. Überlege gemeinsam mit deinem Kind, mit welchem Fach es starten möchte. Nach und nach kann dein Kind mehr Fächer wählen, in denen es eine Veränderung geben soll. Den Anspruch zu haben, die mündliche Mitarbeit direkt in allen Fächern verbessern zu wollen, ist unrealistisch und die Wahrscheinlichkeit daher groß, dass dein Kind nicht durchhält. Das Phänomen kennst du bestimmt aus anderen Bereichen.

4. Die Lehrkraft mit ins Boot nehmen

Es gibt vielleicht den einen Lehrer oder die eine Lehrerin, zu der dein Kind ein besonders gutes Verhältnis hat. Wieso nicht mit dem Fach dieser Lehrkraft beginnen? Vielleicht wäre es für dein Kind auch eine gute Idee, wenn es mit der Lehrkraft spricht und sie bittet, dein Kind mehr im Unterricht dranzunehmen. Hierbei ist es allerdings sehr wichtig, dass dein Kind das wirklich möchte. Für viele schüchterne Schüler*innen ist das Drangenommen-Werden im Unterricht der absolute Horror. Wie sieht das bei deinem Kind aus?

Ein braunhaariger Junge im hellblauen Shirt und mit Zahnspange spricht. In seiner Sprechblase steht: Ich ja, dass ich mehr mitmachen sollte, aber ich habe Angst, dass ich etwas Falsches sage!

Das Selbstbewusstsein ruhiger Kinder stärken

Wenn dein Kind so schüchtern ist, dass es sich nicht traut, die Tipps zur mündlichen Mitarbeit umzusetzen oder stark gehemmt ist, dann lohnt es sich, an seinem Selbstbewusstsein zu arbeiten. Das geht nicht von heute auf morgen, aber wenn dein Kind in kleinen Schritte vorgeht, wird es bald schon kleine Erfolge feiern können und sich nach und nach immer mehr zutrauen. Schöne Aussichten, oder?

1. Auf Stärkensuche gehen

Zunächst einmal ist es gut, wenn dein Kind sich im Klaren darüber ist, welche Stärken es überhaupt hat. Das ist gar nicht mal so einfach, weil in unserer Gesellschaft der Fokus oftmals so stark auf die Schwächen einer Person gesetzt wird, dass wir unsere eigenen Stärken gar nicht (er)kennen.

Ich empfehle dir, dass du dir im Vorfeld der Stärkensuche schon einmal überlegst, was dein Kind besonders gut kann und in welchen Bereichen es schon Erfolge feiern konnte. So kann es nicht passieren, dass Ihr gemeinsam nach Stärken sucht und spontan nichts findet. Falls du Anregungen brauchst, wie du nach den besonderen Begabungen und Fähigkeiten deines Kindes suchen kannst, dann empfehle ich dir diese Schatzsuche.

2. Die Stärken visualisieren

Weißt du, was passieren kann, wenn du mit deinem Kind gemeinsam auf Stärkensuche geht und ihr herausfindet, was dein Kind besonders gut kann? Es kann gut sein, dass es viel von dem vergisst, was ihr gemeinsam gefunden habt. Jammerschade, wenn Teile seines Ressourcen-Schatzes verloren gehen, oder?

Deshalb unbedingt die Stärken deines Kindes notieren, besser noch ihr visualisiert sie. Um die besonderen Qualitäten deines Kindes sichtbar zu machen, gibt es viele Möglichkeiten. Vielleicht habt Ihr hierzu eigene gute Ideen?

Drei Sätze, mit Beispielen, wie man die Stärken sichtbar machen kann

3. Kleinschrittige Ziele setzen

Die Stärken deines Kindes kennt Ihr nun, jetzt geht es darum, dass sich dein Kind Ziele setzt. Die Ziele „Ich möchte eine bessere mündliche Note haben!“ oder „Ich möchte mich trauen, mich häufiger zu melden“ sind ungünstig. Sie sind zu schwammig und das Ergebnis liegt in zu weiter Ferne. Sinnvoller ist es, wenn dein Kind realistisch bleibt und seine Ziele möglichst kleinschrittig aufbaut.

4. Erfolge sehen, feiern und sichtbar machen

Jeder kleine gemachte Schritt ist ein Erfolg, den du mit deinem Kind würdigen und feiern solltest. Ein wunderbarer Nebeneffekt, wenn Ihr so vorgeht: Dein Kind sieht selber seine Fortschritte und macht motiviert weiter.

Probiert doch mal aus, jeden kleinen Erfolg sichtbar zu machen. Wie das funktionieren soll? Beispielsweise mit den Erfolgsgläsern, die du unten siehst.

Erfolgsgläser, in denen für jeden Erfolg ein Zettel oder ein Stein gesammelt wird

5. Fehler? Total normal

Viele schüchterne Kinder vermeiden die mündliche Mitarbeit, aus Angst einen Fehler zu machen. Wirklich verwunderlich ist das nicht, wird doch in Klassenarbeiten immer das besonders herausgestellt, was falsch ist.

Hat auch dein Kind Angst davor, Fehler zu machen? Du kannst ihm von deinen eigenen Fehlern erzählen. Oft gibt es bei Fehler-Geschichten etwas zu lachen.

Ich erinnere mich beispielsweise noch gut an meinen Latein-Unterricht, als ich bei einer Übersetzung konsequent „libri“ (Bücher) mit Kinder („liberi“) übersetzt habe: Die Kinder waren in der Tasche, sind vom Tisch gefallen und lagen dann auf dem Boden. Und dann war noch unklar, ob das Cornelias oder Marcus´ Kinder waren. Ein dummer Fehler!

Auf diese Weise hatte ich einen aberwitzigen Text produziert, ohne mir etwas dabei zu denken. Erst beim Vorlesen wurde mir klar, was ich für einen Quatsch geschrieben hatte. Sicher, das war schon peinlich, aber mehr im Gedächtnis geblieben ist mir, wie die Lehrerin, meine Mitschüler*innen und ich Tränen gelacht haben.

Und dann ist durch diesen Fehler noch etwas passiert: Zukünftig kannte ich sehr gut den Unterschied zwischen „liberi“ (Kinder) und „libri“ (Bücher). Denn der abgedroschene Satz stimmt wirklich: Aus Fehlern kann man lernen!

Ruhigsein kann auch positiv sein

Ganz wichtig finde ich, dass du deinem Kind immer wieder klar machst, dass es absolut in Ordnung ist, so wie es ist. In unserer Gesellschaft bekommen die Ruhigen zwar oft nicht die verdiente Wertschätzung. Aber was wäre los, wenn wir alle laut, auffällig und nach vorne preschend wären?

Um deinem Kind zu zeigen, dass es durchaus Vorteile haben kann, ruhig und introvertiert zu sein, kann es hilfreich sein, wenn Ihr Vorbilder sucht, die ebenfalls zu den stillen Menschen gehören. Oder Ihr überlegt Situationen, in denen dein Kind wegen seines ruhigen Wesens Vorteile hatte oder erfolgreich war.

Wenn du dich intensiver mit den Stärken der Ruhigen beschäftigen möchtest, dann empfehle ich dir die Bücher von Susan Cain. In „Still und stark“ geht sie explizit auf ruhige und introvertierte Kinder und Jugendliche ein.

Ein Mädchen und ein Junge in Superheldenkleidung. Text: Auch ruhige Kinder haben Superkräfte. Welche hat dein Kind?

Mein introvertierter Aha-Moment

Übrigens war auch ich eine ruhige Schülerin. Wie oft ist mir gesagt worden, dass ich nicht so schüchtern sein und mich doch mehr melden soll. Wenn das so einfach gewesen wäre!

Dass es durchaus ein Vorteil sein kann, wenn man eher ruhig ist und nicht immer in den Vordergrund drängt, habe ich erst ziemlich spät bemerkt.

Im letzten Schuljahr war ich zu einem Vorstellungsgespräch um einen begehrten Ausbildungsplatz eingeladen worden. Den ganzen Tag wurden wir getestet und nach jedem Testteil mussten sich einige der Kandidat*innen verabschieden.

Ich komme nicht zu Worte …

Nachmittags gab es eine Gruppendiskussion. Ich saß gemeinsam mit einer Gruppe sehr dominanter Mitbewerber*innen in einem Raum und wir sollten zu einem vorgegebenen Thema diskutieren. Die anderen legten los und ich kam überhaupt nicht zu Worte. Nach einer Weile resignierte ich. Dann würde ich wohl diejenige sein, die als nächstes gehen müsste.

Ich schaute noch mal auf das Blatt, wo das Thema der Diskussion notiert war – und was sah ich? Meine Mitbewerber*innen waren komplett vom eigentlichen Thema abgekommen!

… und finde die Lösung

Als sich kurze Zeit später eine Mini-Sprechpause ergab, sagte ich ganz ruhig: „Das ist sehr interessant und wichtig, was ihr zusammengetragen habt, aber eigentlich geht es doch um …“. Ich hatte kaum fertig gesprochen, schon wurde von den Verantwortlichen die Gruppendiskussion abgebrochen.

Wahrscheinlich ahnst du es schon: Nicht ich wurde nachhause geschickt, sondern die meisten der anderen Diskussionsteilnehmer*innen. Für mich war das eigentlich ein größerer Erfolg als hinterher einen der Ausbildungsplätze bekommen zu haben. Sowieso musste ich ziemlich schnell feststellen, dass ich nicht zur Bankkauffrau taugte, aber das ist eine andere Geschichte!


Ich hoffe, ich konnte dir und deinem Kind etwas weiterhelfen. Wenn du den Eindruck hast, dass Ihr Unterstützung brauchen könntet, damit dein ruhiges Kind in der Schule besser zurechtkommt, dann melde dich gerne ganz unverbindlich bei mir. Gemeinsam überlegen wir, ob deinem Kind ein Lerncoaching mit mir helfen könnte.

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