„Dann musst du halt mehr lernen!“ – Oder etwa nicht?

Ich sehe ihn noch heute vor mir, den völlig aufgelösten Fünftklässler, der eine Deutscharbeit verhauen hatte und so bitterlich weinte, dass er kaum sprechen konnte. Als er sich etwas beruhigt hatte, erzählte er mir von seinem Kummer. Die schlechte Note war für ihn gar nicht das Drama. Für ihn war die Reaktion seiner Eltern auf schwache Ergebnisse schlimm. Ihr Standardspruch in solchen Situationen war immer: „Dann musst du halt mehr lernen!“

Weil es bei dem Jungen in der Schule nicht so lief wie erwartet, schickten sie ihn in Englisch und Mathe zur Nachhilfe und organisierten zusätzliche Lernzeiten. Mit der 5 in Deutsch hatte er Angst, dass ihm noch mehr Übungen aufgebrummt würden und ganz verzweifelt schluchzte er: „Aber ich bin doch noch ein Kind. Ich muss doch auch mal spielen dürfen!“ Fast hätte ich mitgeheult!

Wie dem Jungen geht es ganz vielen Schülern und Schülerinnen. Wenn die Leistungen nicht stimmen, dann unterstellt das Umfeld häufig, dass das Kind nicht genug gelernt hätte und verordnet ihm mehr Lernzeit. Aber ist das wirklich sinnvoll?

Mehr ist mehr! – Oder etwa nicht?

Vielleicht hast du auch schon mal eine Topfpflanze gehabt, die immer kraftloser wurde und verkümmerte. Mein erster Schritt in solchen Fällen: Die Pflanze reichlich gießen. Manchmal hilft das. Wenn aber die Pflanze wegen eines falschen Standorts, schlechter Erde, zu wenig Platz oder Parasiten welkt, dann hilft das kräftige Gießen nicht, kann im Gegenteil sogar zum endgültigen Pflanzen-Tod führen.

Beim Lernen ist es ganz ähnlich. Natürlich kommt es vor, dass Schüler*innen ihre Arbeiten oder Tests verhauen, weil sie gar nicht oder zu wenig gelernt haben. Oft gibt es aber auch andere Ursachen für die enttäuschenden Ergebnisse und mehr Lernzeit führt zu nichts, allenfalls zu Schulfrust.

Jugendlicher liegt auf Schulbüchern, trägt grünen Hoodie mit Kapuze
Mehr hilft mehr? Echt?

Auf der Suche nach der Ursache des Lern-Problems

Wenn du dein Kind dabei unterstützen möchtest, in der Schule gut zurecht zu kommen und bessere Ergebnisse zu erzielen, empfehle ich euch als erstes eine Analyse der Lernsituation. Nur wenn klar ist, welcher Bereich dein Kind blockiert, könnt ihr passende Schritte wählen.

Meistens führt einer der folgenden Punkte zu enttäuschenden Ergebnissen bei Tests, Arbeiten oder Prüfungen:

  • Anwendung falscher Lernmethoden
  • Ungünstige Lernumgebung
  • Schlechte Lernplanung
  • Schwierigkeiten mit der Konzentration
  • Motivationsmangel
  • Lernblockaden oder Prüfungsangst

Wichtig zu wissen: Schlechte Schulleistungen können auch andere, tiefergehende Ursachen haben. In solchen Fällen solltest du nicht versuchen das Problem selber zu lösen, sondern professionelle Hilfe für euch organisieren.

1. Anwendung falscher Lernmethoden

Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht, wie sie am besten lernen sollen. Grundsätzlich kann ich sagen, dass eine aktive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff immer zu besseren und nachhaltigeren Lernergebnissen führt als das reine Durchlesen.

Vielleicht kennst du das von dir selber: Wenn du dir zum Lernen Unterlagen durchliest, passiert es oft, dass du nur oberflächlich bei der Sache bist, die Aufzeichnung überfliegst und mit den Gedanken abschweifst. Das passiert nicht, wenn du dich aktiv mit der Sache auseinandersetzt, die du lernen musst. Außerdem fällt dir auf die Weise eher auf, ob du gewisse Themen noch nicht sicher beherrscht.

Für das Thema Vokabellernen habe ich dir hier ein paar aktivierende Lerntipps zusammengestellt, die du mit deinem Kind ausprobieren kannst. Wenn du wissen möchtest, wie ihr auf lustige Weise effektiv auswendig lernen könnt, dann schau dir meinen Artikel zum Lernen mit der Körperliste an.

2. Ungünstige Lernumgebung

Habt Ihr schon einen Blick darauf geworfen, wo und unter welchen Umständen dein Kind lernt? Es gibt ein paar Grundprinzipien, die bei der Wahl des Lernortes wichtig sind.

  • Muss dein Sohn oder deine Tochter schriftliche Aufgaben erledigen, dann ist die Arbeit an einem Tisch erforderlich. Ob es sich dabei aber um den eigenen Schreibtisch, den Esstisch oder den Balkontisch handelt, ist unwesentlich.
  • Ablenkungen sollten beim Lernen und Arbeiten für die Schule vermieden werden. Der Arbeitsplatz im trubeligen Wohnzimmer kann ungünstig sein, ebenso wie Hintergrundberieselung durch den Fernseher oder Musik, die dein Kind ablenkt. Ich habe als Jugendliche auch irgendwann kapiert, dass es nicht so sinnvoll ist zur Hitparade die Hausaufgaben zu machen ;-).
  • Am besten parkt das Handy deines Kindes während des Arbeitens in einem anderen Raum.
Zum Schreiben geht es besser an den Tisch.

Wenn dein Kind etwas lesen oder auswendig lernen muss, ist es nicht notwendig dies am Tisch zu erledigen. Warum nicht die Vokabeln beim Trampolinspringen wiederholen oder die Schullektüre gemütlich im Bett lesen?

Was die Lernzeiten betrifft, empfehle ich euch auszuprobieren, welcher Zeitpunkt für dein Kind am günstigsten ist. Ob direkt nach der Rückkehr aus der Schule oder nach einer längeren Erholungszeit – eigentlich egal, Hauptsache der Unterrichtsstoff wird gelernt!

3. Schlechte Lernplanung

Sicherlich kennst du diese Wochen, in denen dein Kind eine Arbeit nach der anderen schreibt. Wird immer für die als nächste anstehende Prüfung geübt, dann praktiziert dein Kind sogenanntes „Bulimielernen“: Schnell lernt es die relevanten Themen, ko**t sie in der Prüfungssituation aus und weiß eine Woche später nichts mehr davon. Nicht sehr sinnvoll und nachhaltig.

Um ausreichend Zeit für eine gute Vorbereitung zu haben, muss dein Kind seine Lernzeiten planen. Dabei kann ihm ein Lernplan helfen. Wie ihr diesen erstellen könnt, liest du hier.

4. Schwierigkeiten mit der Konzentration

Dein Kind kann sich nur schlecht konzentrieren? Sinnvoll ist es, wenn ihr durch Beobachtung herausfindest, wie lange dein Kind aufmerksam sein kann. Findet ihr beispielsweise heraus, dass dein Sohn oder deine Tochter nach 10 Minuten gedanklich abschweift, könnt ihr gemeinsam versuchen, die Konzentrationsdauer ganz sachte auszudehnen.

Mach die Lern-Zeit sichtbar mit einem Timer

Beim nächsten Lernen stellt ihr einen Timer oder einen Wecker auf 11 Minuten. Wenn diese Zeit um ist, dann darf dein Kind 2 Minuten etwas anderes tun. Ideal wäre es, wenn dein Kind diese Mini-Pause für Bewegung oder etwas Entspannendes nutzt. Nach und nach könnt ihr die Lerndauer ausdehnen. Wichtig ist allerdings, dass dein Kind nach der vereinbarten Lernzeit auch wirklich seine Pause machen darf und es nicht heißt: „Ach komm, noch die eine Aufgabe, wir sind gerade so gut dabei!“

Bei der Timer-Methode klang das eben schon an: Pausen sind wichtig für das Lernen. Gönnen wir unserem Gehirn keine Aus-Zeiten, tritt es nach einiger Zeit in den Streik und merkt sich von dem Gelernten nichts mehr. Mehr über die Bedeutung von Pausen und wann sie am sinnvollsten gemacht werden, liest du hier.

Was für die Konzentration auch wichtig ist: ausreichendes Trinken, ausgeschlafen sein, frische Luft im Raum, gute Körperhaltung.

5. Motivationsmangel

Ganz schwierig ist es, wenn ein Kind oder Jugendlicher keinen Sinn im Lernen bestimmter Themen oder im Lernen allgemein sieht.

Wozu brauche ich Appositionen???

Hilfreich ist es, wenn ihr einem Thema die Komplexität nehmt und es in kleinere, gut bewältigbare Portionen aufteilt. Auf diese Weise wird der Lernstoff handlicher und dein Kind bekommt den Eindruck ihn bewältigen zu können. Außerdem ist das Gefühl nach jedem einzelnen Schritt, wieder etwas geschafft zu haben, sehr gut für die Bereitschaft um den nächsten Teil in Angriff zu nehmen.

Manchmal müssen Schüler*innen aber auch Dinge lernen, die wirklich nicht sinnvoll sind. Hier empfehle ich – und das wirkt für eine ehemalige Lehrerin vielleicht fast ketzerisch – nur ein Minimalprogramm zu fahren. Damit meine ich, dass dein Kind eine zufriedenstellende Leistung anpeilt und seine Energie für sinnvollere Lerninhalte aufspart. Wichtig ist bei diesem Vorgehen natürlich, dass dein Kind es nur sporadisch anwendet ;-). Weitere Tipps für mehr Motivation beim Lernen kannst du hier finden.

Wenn dein Kind nicht nur bei einem Thema oder in einem Fach demotiviert ist, sondern sich die Unlust auf Schule und Lernen im Allgemeinen bezieht, empfehle ich euch eine qualifizierte Fachperson hinzuzuziehen. Oft liegen gravierende Probleme einer massiven Antriebslosigkeit zugrunde, die du als Elternteil nicht wirst lösen können.

6. Lernblockaden und Prüfungsängste

Wenn sich dein Kind gut für eine Prüfung vorbereitet hat, in der entsprechenden Situation ein Blackout bekommt und das Gelernte nicht abrufen kann, liegt vermutlich Prüfungsangst vor.

Handelt es sich um schwächere Prüfungsängste hilft es deinem Kind vielleicht, wenn es sich vor Augen hält, dass es gut vorbereitet ist. Hierzu kann es seinen Lernplan nehmen und alle gemachten Aufgaben abhaken.

Um sich vor der Arbeit oder Prüfung nicht verrückt zu machen, sollte dein Kind die Lernmaterialien rechtzeitig beiseite legen, idealerweise spätestens am Vorabend. Anstelle dessen kann dein Kind die Zeit für Entspannungsübungen nutzen, die es beruhigen.

Gerade wenn neue Prüfungsformate anstehen, beispielsweise eine mündliche Prüfung, ist es sehr hilfreich, die Prüfungssituation in Rollenspielen zu üben.

Wie bei dem Thema Motivationsprobleme, kann es bei Prüfungsängsten oder massiven Lernblockaden sinnvoll sein, auf externe Hilfe zuzugreifen.

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Du siehst also, es kann viele unterschiedliche Gründe geben, warum dein Kind bei Arbeiten und Prüfungen nicht die erwünschte Leistung bringt. Natürlich ist es nicht ganz einfach festzustellen, woran es bei deinem Kind gerade hapert. Gerne helfe ich Euch weiter.

1 Kommentar zu „„Dann musst du halt mehr lernen!“ – Oder etwa nicht?“

  1. Dankeschön, liebe Ilka
    Ich werde mir die nächste Zeit, bei den Hausaufgaben diese Punkte nochmals durchgehen. Das eine oder andere kann sicher noch optimiert werden.
    Herzliche Grüessli
    Jeannine

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