Warum Künstliche Intelligenz meine Lerntherapie nicht ersetzen kann

In der Lerntherapie arbeite ich mit vielen Lernkindern an der Rechtschreibung. Das ist ein recht überschaubarer Bereich und weil aktuell in allen möglichen Bereichen der Einsatz von Künstlicher Intelligenz diskutiert wird, frage ich mich: Könnte eine KI vielleicht das Rechtschreibtraining für mich übernehmen? Und wenn man größer denkt – könnte ein KI-Lerntherapeut vielleicht sogar die Lösung für die vielen Kinder sein, die keinen Lern-Therapieplatz bekommen?

1. Didaktisches Know-How

Bisher habe ich KI für meine Arbeit nur verwendet, um Vorschläge für Aufgaben oder Checklisten zu bekommen. Wie aber sieht es mit komplexeren Themen aus? Was empfiehlt eine Künstliche Intelligenz beispielsweise zum Aufbau eines Rechtschreibtrainings?

Spaßeshalber befrage ich ChatGPT danach, wie die KI eine Rechtschreibförderung aufziehen würde. Mir werden sofort acht Tipps ausgespuckt. Diese Tipps sind allerdings so allgemein gefasst, dass sie sich für die Umsetzung nicht eignen. Außerdem bauen sie nicht aufeinander auf und mir fällt auf, dass sie nicht wichtige Prinzipien der Rechtschreib-Didaktik berücksichtigen. Nach einer Pause von zwei Tagen erhalte ich von ChatGPT eine wesentlich hilfreichere Auflistung. Liegt das daran, dass die Künstliche Intelligenz zwischenzeitlich gelernt hat oder war meine Anfrage einfach besser?

Wie auch immer – auch mit der ausführlicheren Auflistung bleibt die Künstliche Intelligenz zu sehr an der Oberfläche und geht zu wenig auf die konkrete Planung eines sinnvollen Rechtschreibtrainings ein. Es fehlt der künstlichen Intelligenz in meinen Augen noch an didaktischem und methodischem Knowhow.

Nicht nur für die grobe Planung der Förderung ist didaktisches und methodisches Wissen notwendig. Auch für die Planung jeder einzelnen Stunde sind diese Kompetenzen notwendig, um die passenden Methoden und Materialien für das Lernkind auszuwählen. KI kann bei der Erstellung von Materialien helfen. Aber meine Erfahrung hierbei zeigt, dass die Arbeit der KI nicht einfach gedankenlos übernommen werden sollte, weil die Übungen nicht immer sinnvoll sind . Außerdem scheint ChatGPT eine Vorliebe für Lückentexte zu haben, die meine Lernkinder nicht unbedingt teilen.

2. Selbstvertrauen stärken

Viele Kinder, die ich betreue, haben in der Schule negative Erfahrungen gemacht und leiden unter einem geschwächten Selbstvertrauen. Oft trauen sie sich nichts mehr zu und haben ein sehr negatives Selbstbild. Um erfolgreich an der Rechtschreibung arbeiten zu können, ist es wichtig, dass das Kind Vertrauen in sich und seine Fähigkeiten hat.

Dazu teile ich den Lernstoff in kleine Schritte ein. Jeden Erfolg eines Lernkindes bei einem Lern-Schritt mache ich sichtbar. Denn oft sehen die Mädchen und Jungen gar nicht, was sie bereits für Fortschritte gemacht haben. Auch gegenüber den Eltern kommuniziere ich die Entwicklung des Kindes.

Dadurch, dass die Kinder sehen, dass sie Schritt für Schritt besser werden, gewinnen sie neben dem Fachwissen auch an Selbstvertrauen.

Natürlich können auch ein Lernprogramm oder eine KI eine positive Rückmeldung geben. Aber mal ganz ehrlich – was hat für dich persönlich mehr Gewicht: Wenn dir ein Computer-Programm ein positives Feedback gibt oder wenn ein anderer Mensch mit dir deinen Erfolg feiert? Für mich ist auf jeden Fall die Rückmeldung durch einen Menschen viel wertvoller!

3. Eingehen auf akute Befindlichkeiten

Immer wieder kann ich Stunden nicht so durchführen wie ich sie geplant habe. Manchmal merke ich, dass ein Kind ein Thema noch nicht wirklich verstanden hat und noch eine Wiederholung braucht.

Außerdem sorgen immer wieder Ereignisse, die außerhalb unseres Fachthemas liegen dafür, dass wir nicht wie geplant arbeiten können. Wenn ein Kind beispielsweise frustriert ist, weil es in der Schule eine schlechte Note bekommen hat, können wir unter Umständen nicht am eigentlichen Thema weiterarbeiten.

Für mich als Lerntrainerin ist es vollkommen klar, dass ich immer zuerst auf das Thema eingehe, welches das Kind gerade beschäftigt und blockiert. Einer KI wäre das so nicht möglich, da sie beispielsweise die nonverbalen Äußerungen des Kindes nicht interpretieren kann.

4. Vertrauen aufbauen

Um mit einem Kind überhaupt über schwierige Themen sprechen zu können, ist es wichtig, dass es mir vertraut. Das Vertrauen ist nicht von Anfang an da, es muss sich erst aufbauen. In meinen Augen gibt es kein Patentrezept, wie Vertrauen entsteht und wann es da ist.

Ich habe beobachtet, dass für den Beziehungsaufbau zwischen mir und den Lernkindern gut ist, wenn ich mich mit ihnen auch über Themen abseits von Schule und Rechtschreibung unterhalte, wenn ich ihnen zeige, dass ich mich für sie interessiere und sie unterstützen möchte. Sicherlich tragen auch Humor, Aufmunterung, Trost und Empathie dazu bei, dass die Kinder früher oder später Vertrauen zu mir fassen. Über diese typisch menschlichen Fähigkeiten verfügt eine KI nicht, ein wirkliches Vertrauensverhältnis zur KI wird daher nicht entstehen.

5. Zum Dranbleiben motivieren

Der Weg, den viele meiner Lernkinder vor sich haben, ist lang und nicht einfach. Es kann immer mal wieder Phasen geben, in denen ein Kind keine Lust mehr hat und die Lerntherapie abbrechen möchte. Eine Verbesserung der Rechtschreibung kann so natürlich nicht erfolgen!

Damit meine Lernkinder nicht vorzeitig aufgeben, ist es sehr wichtig, dass ich sie motiviere. Natürlich kann auch eine KI durch Gamification-Elemente motivierend wirken. Aber schafft es eine KI auch, ein Kind über längere Zeit auf unterschiedliche Weise zu motivieren, die zu der jeweiligen Situation passt?

Mein Fazit

Künstliche Intelligenz wird immer besser und wenn es um die rein fachliche Vermittlung von Inhalten geht, könnten mich ChatGPT und Kollegen möglicherweise eines Tages ersetzen.

Bei den Mädchen und Jungen, mit denen ich arbeite, geht es allerdings nicht nur darum, dass es sie korrekt schreiben lernen. Meine Arbeit geht sehr viel weiter und neben dem Fachthema ist es wichtig an ihrem Selbstvertrauen zu arbeiten und sie zu unterstützen, wenn sie von schulischen Themen frustriert sind. Hierfür sind typisch menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Trösten, Aufmuntern, Zuhören, Zeit haben, Geduld notwendig, über die KI nicht verfügt.

Was bei meinen Lernkindern ebenfalls wichtig ist: Dass ich sie motiviere, dass ich einfach da bin, ihnen zuhöre, mich mit ihnen austausche. In gewissem Maße kann das vielleicht auch KI abbilden, aber richtige Verbundenheit kann meiner Meinung nach nicht zwischen KI und Mensch entstehen.

Übrigens sieht ChatGPT das ähnlich wie ich:

Da sind ChatGPT und ich uns ja einig! Für die vielen Kinder, die zeitnah keinen Lerntherpie-Platz bekommen, ist Unterstützung durch KI deshalb leider keine Lösung, wenn es nicht nur um die reine Stoffvermittlung gehen soll.


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2 Kommentare zu „Warum Künstliche Intelligenz meine Lerntherapie nicht ersetzen kann“

  1. Ja, Zuwendung schlägt Technik! Es gibt aber schon Meinungen, dass man Rechtschreibkenntnisse nicht mehr zu erwerben brauche, weil die KI dafür sorgen könne. Damit würde man die Kontrolle abgeben. Das süße Gift der Vereinfachung ist verlockend. Zum Beispiel ist schon zu beobachten, dass man die KI für sich in sozialen Medien kommentieren lässt. Das macht die sozialen Medien noch schrecklicher!

    1. Oh ja, Zuwendung schlägt Technik, das trifft es, lieber Siegbert!
      Ich hoffe ja, dass der korrekte Sprachgebrauch auch weiterhin wichtig bleibt und wir uns zukünftig nicht komplett auf künstliche Intelligenz verlassen. Wie fatal es sein kann, sich extrem auf technische Helferlein zu verlassen, sehen wir ja immer wieder bei der schwindenden Orientierungsfähigkeit. Heutzutage leiten uns Googe Maps oder andere Navis, früher mussten wir Karten lesen oder uns auf unserer inneren Karte orientieren. Und irgendwie fand ich es auch schön, mir eigenständig meinen Weg zu suchen, mich ab uns zu auch mal zu verlaufen oder zu verfahren und dabei unbeabsichtigt Neues zu entdecken.

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