Wie ich wurde, was ich bin – Lerncoach und LRS-/Legasthenie-Trainerin

Wenn du dir mal anschaust, wie Lerncoaches, Legasthenie-Trainerinnen oder Lerntherapeutinnen zu ihrem Beruf gekommen sind, dann fällt auf, dass sehr viele – vielleicht sogar alle? – vorher etwas anderes gemacht haben. Das war bei mir nicht anders.

Ich hatte zwar schon vor zwanzig Jahren damit liebäugelt, in diesem Bereich zu arbeiten, aber die Optionen entweder als Honorarkraft zu arbeiten oder mich selbstständig zu machen, haben mich damals davon abgehalten. Deshalb wäre ich noch vor ein paar Jahren extremst erstaunt gewesen, wenn mir jemand vorhergesagt hätte, dass ich mich in diesem Jahr selbstständig machen und als Lerncoach und LRS-Trainerin arbeiten würde. Wie es dann doch zu diesem Sinneswandel kam, liest du in diesem Text.

Oft zeigt sich bereits in der Kindheit oder Jugend, wohin es einen Menschen beruflich zieht. Wenn ich allerdings auf meinen ersten Berufswunsch zurückblicke, dann führte er in eine Sackgasse.

Das lag aber nicht an mir, sondern an der Welt und insbesondere an meiner Familie, die damals (noch) nicht bereit war für meine Leidenschaft, die ich eigentlich zu meinem Beruf hatte machen wollen.

1. Mein erster Berufswunsch

Als 3 oder 4jährige stand für mich fest: Wenn ich mal groß bin, werde ich Putzfrau!

Mit meiner Mutter das Treppenhaus putzen war ein Highlight für mich. Die Gäste-Toilette putzte ich auch sehr gerne mit viel Scheuermittel und Wasser. Meine Mutter war davon weniger begeistert, weil sich unsere Putzroutinen zu sehr unterschieden.

Ich hatte sogar ein eigenes Putz-Spiel erfunden, das Staubsuchen. Dazu fuhr ich mit dem Zeigefinger auf den Fußbodenleisten lang und war begeistert, wenn ich kleine Staubhäufchen vor mir herschieben konnte.

Als ich bei einer Einladung beim Chef meines Vaters Staubsuchen spielte und den Erwachsenen stolz meine Staub-Ausbeute zeigte, musste ich feststellen, dass mein Umfeld meine Sauberkeitsambitionen nicht teilte und gab daher diese Leidenschaft auf.

Leichte Melancholie im Blick, weil ich meinen ursprünglichen Berufswunsch nicht umsetzen konnte

Ich suchte mir andere Betätigungsfelder und das waren dann tatsächlich erste Schritte in die Richtung meines heutigen Berufs.

2. Meine erste Sprachschülerin

Mit vier Jahren lernte ich Anna kennen, deren Mutter eine Änderungsschneiderei im Nachbarhaus übernommen hatte. Eigentlich kannte ich Anna schon viel, viel länger, denn wir waren beide am selben Tag im selben Krankenhaus zur Welt gekommen. Wir hatten uns aber seit unserer Geburt nicht mehr gesehen, weil ihre Familie in einer Nachbarstadt wohnte und sich unsere Wege nicht kreuzten.

Anna sprach mit ihrer Familie nur Griechisch und meine Familie erzählte immer, dass ich ihr beim gemeinsamen Spielen Deutsch beigebracht hatte. So gesehen war Anna meine erste Deutschschülerin.

3. Zwei neue Leidenschaften

Geschichten habe ich immer schon geliebt – wie wunderbar war es da für mich, als ich in der Grundschule Lesen und Schreiben lernte! Ich konnte meine eigenen Geschichten aufschreiben und die Bücherei leer lesen!

In der Jugendzeit weitete ich meine Schreibambitionen aus, ich füllte bergeweise Tagebücher, hatte unendliche viele Brieffreundinnen weltweit und war eifriges Mitglied in der Schülerzeitung.

4. Praxisluft schnuppern

Für mich war als Jugendliche klar, dass ich meine Schreib- und Leseleidenschaft zu meinem Beruf machen wollte. Nach einem Praktikum in der Bücherei war ich etwas ernüchtert – so spannend wie ich ihn mir vorgestellt hatte, erlebte ich den Beruf der Bibliothekarin dort gar nicht.

Ein Schulpraktikum in der Pressestelle des Rheinischen Sparkassen- und Giroverbandes in Düsseldorf gefiel mir da sehr viel besser. Ich beendete meinen Ausflug in die Praxis mit dem Gedanken: „Journalismus könnte spannend sein!“ Und mit der Empfehlung meiner Praktikums-Betreuerin, mir durch eine Banklehre ein vernünftiges Fundament aufzubauen und anschließend Wirtschaft und Journalismus zu studieren.

Während meines Schulpraktikums durfte ich sogar einen ehemaligen NRW-Finanzminister interviewen

5. Auf dem Holzweg

Als es gegen Ende der Schulzeit um konkrete Zukunftsplanung ging, erzählte ich mir selber die Geschichte, dass ich vor dem Studium erst einmal eine kaufmännische Ausbildung machen wollte. Und auch die Personaler beim Vorstellungsgespräch in einer Düsseldorfer Großbank überzeugte ich, obwohl ich mich überhaupt nicht für Wirtschaft und das Finanzwesen interessierte. So wurde ich das, was ich eigentlich nie hatte werden wollen: Bank-Auszubildende.

Eine Zeit lang erzählte ich mir weiterhin die Geschichte, dass alles prima und ich dort gut aufgehoben sei. Tief drinnen war ich allerdings kreuzunglücklich. In vielen Abteilungen der Bank gab es für mich als Azubi kaum etwas zu tun, so dass ich mich nicht einmal mit Arbeit ablenken konnte.

Und das sollte zwei Jahre so weitergehen? Schon in den ersten Monaten war mir klar geworden, dass ich auf keinen Fall Wirtschaft studieren wollte. Und als zurückhaltende Person in den Journalismus gehen? Ich bekam immer mehr Zweifel an meinem ursprünglichen Plan. Nach einem halben Jahr machte ich den mutigen Schritt, kündigte und machte das, was mich wirklich interessierte.

6. Der passende Weg

Ich zog nach Augsburg und begann dort mit einem Deutsch- und Französisch-Studium. Ein Neuanfang in einer komplett neuen und unbekannten Stadt, weit weg von Familie und Freunden – das war manchmal ganz schön herausfordernd, letztendlich aber die richtige Entscheidung! Das Studium fand ich klasse und nachmittags holte ich mir als Hortbetreuerin eine ordentliche Portion Praxiserfahrung, auch das gefiel mir.

Nach dem Grundstudium ging ich für ein Schuljahr als Sprachassistentin nach Frankreich. So konnte ich meine Sprachkenntnisse aufpolieren und Unterrichtserfahrungen sammeln. Dabei merkte ich, wie viel Spaß mir der Unterricht mit Kindern und Jugendlichen machte.

Abschiedsfeier in Frankreich – meine Freundin Florence und ich verließen gleichzeitig die Stadt und feierten gemeinsam

7. Graue Theorie in der Uni

Nach meinem Frankreichaufenthalt wollte ich nicht nach Augsburg zurück. Ich hatte die Horrorvorstellung, während des Referendariats in der bayerischen Provinz zu landen. Dort würde ich den Dialekt vielleicht nicht verstehen und als „Preußin“ anecken. Dann lieber rechtzeitig die Reißleine ziehen und schon frühzeitig dorthin ziehen, wo mich meine zukünftigen Schüler*innen verstehen könnten!

Also wechselte ich die Uni und zog fürs Hauptstudium nach Bonn. Die Stadt und das Studentenleben mochte ich sehr, die Uni war mir allerdings nach meinem Praxisjahr in Frankreich viel zu theoretisch.

8. Lehren und Lernen

Also begann ich, nebenbei in der Volkshochschule zu unterrichten, Deutsch als Fremdsprache, Französisch, irgendwann dann auch Alphabetisierungskurse.

Die Teilnehmenden der Alphabetisierungskurse, die teilweise ganz „normal“ die Schule durchlaufen hatten, lernten von mir Lesen und Schreiben. Ich lernte von ihnen aber auch sehr viel: Wie schwierig das Leben ohne ausreichende Kenntnisse der Schriftsprache ist, wie viel Kraft und Mut es braucht, als Erwachsener noch einmal ganz von vorne mit dem Lesen und Schreiben zu beginnen.

Mit einem Wunsch ging ich aus diesen Alphabetisierungskursen raus: Ich wollte, dass diese Kursform unnötig wird! Ich hatte auch eine Idee, wie dieses Ziel vielleicht erreicht werden könnte: Jedes Kind müsste die Gelegenheit haben in der Schulzeit ausreichend gute Kenntnisse der Schriftsprache zu erwerben, um erfolgreich am (Schul-)Leben teilhaben zu können.

Fotos von meinen Kursen und Klassen kann ich nicht zeigen, aber diese Tätigkeit hat ja auch irgendwie mit meinem Beruf zu tun

8. Ich kämpfe mit Gießkannen gegen Windmühlen

Irgendwann war das Studium vorbei und ich begann mit dem Referendariat. Neben meiner eigentlichen Unterrichtstätigkeit engagierte ich mich schon damals und während meiner ganzen Zeit als Lehrerin für die Kinder, die es mit dem Lesen und Schreiben schwerer hatten und gab LRS- und Deutschförderkurse.

Aber ganz ehrlich: So richtig befriedigend war die Arbeit in diesen Förderstunden nicht. In den Kursen saßen immer zu viele Kinder mit den unterschiedlichsten Problemen und ich hatte nicht genug Zeit und Kraft, um alle individuell zu fördern.

Also praktizierte ich das Gießkannen-Prinzip – jede*r bekam aus meiner pädagogischen Gießkanne die selbe Förder-Ladung: einen Schluck Konsonantenverdopplung, einen Spritzer s-Laute und ein paar Tropfen lange Vokale.

Ich merkte selber, dass meine Bemühungen so nicht viel brachten und ich fühlte mich oft wie ein weiblicher Don Quichote, der mit seiner Gießkanne gegen Windmühlen kämpft.

Lesen – ein roter Faden in meinem Leben

9. Tschüss Schule

Trotz dieser und anderer Missstände habe ich gerne als Lehrerin gearbeitet. Deshalb traf es mich hart, dass ich nach einem Hörsturz den Lärm an der Schule nicht mehr ertragen konnte und dort aufhören musste.

Zunächst dachte ich, dass eine berufliche Umorientierung das einzig Wahre sei und bewarb mich auf Verwaltungsjobs. Aber jedes Mal, wenn ich in einem Vorstellungsgespräch saß, dachte ich: „Hoffentlich nehmen die mich nicht!“

10. Es bleibt beim Alten mit neuen Vorzeichen

Nach einiger Zeit habe ich erkannt, dass ich eigentlich gar keinen kompletten beruflichen Kurswechsel brauchte, denn ich wollte auch weiterhin mit Kindern und Jugendlichen arbeiten.

Ich hatte ja schon bei meiner Arbeit in den Alphabetisierungskursen den Wunsch gehabt, dazu beizutragen, dass Kinder und Jugendliche ausreichend gute Schriftsprach-Kenntnisse erlangen. Wann sollte ich mich für dieses Ziel einsetzten, wenn nicht jetzt?

Was für ein genialer Buchtitel, oder?

11. Hallo Selbstständigkeit

Also beschloss ich, individuelle LRS-Trainings und Lerncoaching im 1:1-Format oder in Kleingruppen anzubieten und absolvierte in den Bereichen entsprechende Ausbildungen. Schon während der Ausbildungen wusste ich: Ja, das ist es! Das ist mein Ding!

Was für mich allerdings sehr herausfordernd war: In die Selbstständigkeit zu starten, sichtbar zu werden, auf mein Angebot aufmerksam zu machen, mich um das administrative Drumherum zu kümmern.

12. Was denken die Leute nur von mir?

Im Februar war es dann so weit: Ich meldete mich selbstständig und wollte beginnen, Kindern Präsenzunterricht zu geben.

Aber herrje, was war es für mich schwierig, mein Angebot vor Ort bekannt zu machen! Ich blockierte mich selbst mit Gedanken wie: Was würden die Leute von mir denken? Würde überhaupt jemand zu mir kommen wollen? Bin ich überhaupt schon so weit?

Mit guter Unterstützung konnte ich meine Blockaden schließlich auflösen und machte minimale Werbung in meinem Dorf: ein Aushang in der Bäckerei, einer in der Poststelle.

12. Es geht los!

Und dann passierte, was ich nicht gedacht hätte – es meldeten sich sofort Interessenten! Mir kam es fast vor wie ein kleines Wunder, denn sie kamen nicht nur auf die Minimal-Werbung hin, sondern auf einmal auch über meine Website, auf der schon seit Monaten mein Angebot rumgedümpelt hatte, ohne dass irgendjemand darauf reagiert hätte.

Inzwischen betreue ich seit ein paar Wochen die ersten Kinder. Vieles an meiner Rolle als Selbstständige ist noch neu und ich fühle mich in manchen Situationen noch wackelig, aber das wird schon. Und was das Wichtigste ist: Die Arbeit mit den Kindern macht Spaß!

Von meiner schönen Vision bin ich noch meilenweit entfernt. Aber ich bin immerhin losgegangen und nächste Schritte werden sein, dass ich mich an ein Online-Angebot traue, um mehr Kindern und ihren Familien zu helfen.

Ilka vor Skulptur

Du möchtest mich noch besser kennenlernen? Dann lies doch diese Texte, in denen ich noch mehr Persönliches über mich erzähle.

18 Kommentare zu „Wie ich wurde, was ich bin – Lerncoach und LRS-/Legasthenie-Trainerin“

    1. Liebe Susanne,

      ganz vielen Dank für deine lieben Worte! Ich hatte ehrlich gesagt Hemmungen, über meine Vision zu schreiben. Alphabetisierungskurse werde ich wohl nicht abschaffen können, aber es ist ein sehr guter Ansporn für mich.

      Viele Grüße
      Ilka

  1. Liebe Ilka!
    Vielen Dank für diesen Einblick in deinen Weg und die kleine Reise in deine Vergangenheit. Wie schön, dass dein Weg dich hierher geführt hat und ich dich so kennenlernen durfte!
    Herzliche Grüße, Judith

    1. Liebe Judith,

      ich bin auch sehr froh, dass ich in dir und den anderen Feedbäckerinnen so tolle Wegbegleiterinnen habe! Das ist so wertvoll.

      Viele Grüße
      Ilka

  2. Liebe Ilka, ich finde es so spannend, deinen Weg zur Lerntherapeutin zu lesen! Danke, dass du auch deine Hürden und Zweifel nicht versteckt hast. Ich freue mich sehr, dass wir uns online und bloggend kennenlernen konnten und wünsche dir alles Gute für deinen neuen Traumberuf!

    1. Liebe Wiebke,
      vielen Dank für deinen Zuspruch. Ich finde es ja sehr beruhigend bei all den anderen Frauen, die bei boomboomblog2022 mitgemacht haben, ebenfalls von ihren Zweifeln und Hürden zu lesen. Ist ja eigentlich auch nichts schlimmes, soweit man sich davon nicht vollkommen blockieren lässt.
      Viele Grüße
      Ilka

  3. Schön erzählt! Das Gefühl, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, haben wohl viele Lehrkräfte, jedenfalls habe ich es schon oft gehört. Ändern tut sich im Schulsystem aber nichts. Und deshalb brauchen wir immer mehr Menschen, die den Kindern neben der Schule helfen, besonders beim Lesen und Schreiben. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deinen Förderkindern!

    1. Vielen Dank für deine lieben Worte, lieber Siegbert! Ja, leider ist meine Erfahrung mit der Förder-Gießkanne an Schulen kein Einzelfall – das ist so schade für die Kinder!

  4. Kerstin Backes

    Liebe Ilka,
    ich finde das toll! Du warst mutig und ich wünsche Dir ganz viel Erfolg! So, wie Du das geschildert hast, beeindruckend und ich bin überzeugt, Du gehst in deiner jetzigen Rolle ganz auf. 🙂
    Vielleicht brauche ich mal deine Hilfe demnächst…dann schreibe ich Dir jedoch persönlich. 🙂
    LG Kerstin

  5. Liebe Ilka, wie schön, deinen Lebensweg so kompakt zu lesen. Du erzählst immer sehr spannend und lebhaft. Es freut mich sehr, dass wir uns gegenseitig stützen und unterstützen. So können wir unsere Zweifel und Ängste ad acta legen und für unsere Träume gehen.

  6. Liebe Ilka, welch bewegende Stationen, du hast mich regelrecht in deinen Artikel gesogen! Seltsam eigentlich, dass deine Staubhöufchen auf so wenig Gegenliebe trafen. Sehr erfrischend, sehr Ilka!
    Liebe Grüße Silke

    1. Liebe Silke, danke fürs Lesen und Kommentieren! Ja, es ist schon schade, dass mir meine Freude am Putzen so vermiest wurde. Heute empfinde ich diese Glücksgefühle beim Putzen allenfalls beim Autowaschen in diesen Selbstwaschstationen (Hochdruckreiniger 😍 Schaumbürste 🫧). Aber so oft gönne ich mir dieses Vergnügen auch nicht!
      Viele Grüße
      Ilka

  7. Hallo Ilka,

    ich bin immer total begeistert, wenn sich jemand traut, seinen Weg zu gehen. Klar, es gibt Situationen im Leben da ist es mal schwieriger, aber dann den Mut zu haben, notfalls auch die Zelte abzubrechen, ist einfach nur toll. Und wenn sich am Ende alles fügt, um so besser. Dir weiterhin ganz viel Erfolg. Du bist schon so unglaublich weit gekommen!

    Liebe Grüße,
    Imken

    1. Liebe Imken,
      vielen Dank für deine netten und aufbauenden Worte. Es ist ja immer die Frage, wie viel man von sich im Internet zeigt und ich habe bei einigen Punkten auch überlegt, ob ich die lieber weglassen sollte. Deshalb tut mir dein Kommentar echt gut 😍

      Viele Grüße
      Ilka

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